Die Kathedrale von Sevilla, die drittgrößte
christliche Kirche der Erde, ist festlich geschmückt. Es
ist der 8. Dezember, das Fest der „Unbefleckten Empfängnis“,
das hier in Sevilla erste weihnachtliche Gefühle weckt.
Eine Woche lang drängeln sich die Menschen im riesigen
Innenraum der Kathedrale, um den berühmten, von Kastagnettenklängen
begleiteten Gesang und Tanz, den „Baile de los Seises“
zu bewundern. Zwölf Chorknaben, gekleidet in die historischen
blau-weißen Kostüme von königlichen Pagen aus
der Zeit der Habsburger, tragen ihn mit ihren hellen Stimmen
vor. Die Tradition geht zurück auf das 15. Jh.., als die
jungen Sänger noch als Hirtenjungen gekleidet und ursprünglich
als Begleitinstrument maurische Schellentrommeln benutzten.
Einst waren es 16 Jungen, daher der Name „Los Seizes“,
der im Laufe der Jahrhunderte aufgrund der andalusischen Aussprache
des „z“ als „s“ zu „Los Seises“
wurde. Sie singen auch an Fronleichnam (in rot-weißen
Kostümen) und in der Woche um den 8. Dezember. Der „Baile
des Los Seises“ setzt sich aus drei verschiedenen, einfachen
Tänzen zusammen: Der erste ist der Gottesmutter, der zweite
dem Bischof und der dritte dem Rathaus und Volk geweiht.
In der Kathedrale von
Sevilla wird am 8. Dezember das Fest der "unbefleckten
Empfägnis" gefeiert.
Foto: Tourspain
In
Barcelona beginnt am 13. Dezember die Zeit der weihnachtlichen
Festlichkeiten. Ab diesem Tag, dem Fest der Heiligen Lucía,
wird rund um die Kathedrale und die Plaza Nueva am Rand des
gotischen Altstadtviertels, der Santa Lucía-Markt eröffnet.
An Dutzenden von Verkaufsständen aus Holz finden sich traditionelles
Kunsthandwerk und alles, was das Herz an Weihnachtsdekorationen
begehrt. Besonders schön ist ein Spaziergang am Abend über
den Platz, wenn die Petroleumlampen und bunten Lichterketten
an den Verkaufshäuschen vor der hell erleuchteten Kathedrale
angezündet werden. Überhaupt spielt das Licht die
wichtigste Rolle am Fest der „Erleuchteten“ und
Schutzpatronin der Augen. Denn es geht zurück auf vorchristliche
Traditionen, die die Wintersonnenwende einläuteten, und
auf ein altes heidnisches Fest, das die Römer mitbrachten.
Den weihnachtlichen Markt gibt es bereits seit 1786, als zum
ersten Mal Kunsthandwerk zum Verkauf angeboten wurde.
Ganz Spanien fiebert am 22. Dezember
der Sonderziehung der „Lotería de Navidad“
entgegen. Über mehrere Stunden übertragen Fernsehen
und Radio dieses Ereignis. Die gezogenen Gewinnerzahlen werden
von den Chorknaben des Colegios San Ildefonso in Madrid singend
vorgetragen. Der erste Preis, „El Gordo“ –
„der Dicke“ genannt, beläuft sich auf 2 Millionen
Euro, die das Leben so manchen Spaniers zwei Tage vor Heiligabend
verändern. Seit König Karl III. im Jahr 1763 die spanische
Lotterie ins Leben rief, sind Jahr für Jahr Millionen von
Menschen im vorweihnachtlichen Lottofieber.
Aus den Bergen und Wäldern des
Baskenlandes und Navarras bringt der Olentzero, ein alter Köhler,
den die Kinder am 24. Dezember mit einem Lied begrüssen,
die Geschenke. „Olentzero joan zaigu, mendira lanera….
Aditu duanean, Jesus jaio zela, Lasterka etori da, Berri ematera“
– „Olentzero ging in die Berge, um zu arbeiten….Als
er hörte, dass Jesus geboren wurde, kam er schnell, uns
die Botschaft zu bringen“. Pfeife rauchend, in der traditionellen
Kleidung der baskischen Landarbeiter mit Schnürsandalen
und weißen Kniestrümpfen, blau-weißen Hosen,
einem blauen Hemd und blau-weißem Halstuch, kommt er mit
seinem Esel „Astotxo“, um die Kinder zu beschenken.
In einigen Orten ziehen die Kleinsten singend von Haus zu Haus
und führen den Olentzero als große Puppe auf einer
Trage sitzend durch die Strassen.
Eine alte Tradition, die aus den Dörfern
der Bergregionen Aragons und Kataloniens stammt und heute hauptsächlich
in Katalonien zu Hause ist, ist der „tio“. Dabei
handelt es sich nicht etwa um ein menschliches Wesen, sondern
um das Stück eines Baumstammes, der in den Weihnachtstagen
in der guten Stube liegt und mit einer Decke bedeckt ist. Früher
hob man in den Dörfern, wenn man Holz für den Winter
sammelte, den prächtigsten Stamm für diesen Anlass
auf. Die Kinder haben ihren Spaß daran, den „tio“,
was übersetzt „Onkel“ heißt, zu füttern
und am Weihnachtstag nach einem fröhlichen Weihnachtslied,
einem „villancico“, mit einem Stöckchen auf
den Stamm zu schlagen. Nach diesem Ritual darf die Decke weggezogen
werden und der „tio“ revanchiert sich mit Süßigkeiten
und kleinen Geschenken.
In ganz Spanien feiern die Gläubigen
am 24. Dezember die „Misa del Gallo“, die „Hahnenmesse“
oder Christmette, die meist um Mitternacht, nachdem die Familien
ihr Festmahl genossen haben, stattfindet. Typische Weihnachtsgerichte
sind Fisch oder Truthahn. Nicht fehlen dürfen Turrón,
eine Weihnachtssüßigkeit aus Mandeln, Honig, Zucker
und Eiweiß, und Marzipan. Hergestellt wird der bekannteste
Turrón in Jijona, einer Stadt in der Provinz von Alicante,
während das berühmteste Marzipan aus Toledo kommt.
Die Tradition der „Lebenden Krippen“,
„Pessebres vives“ oder auf spanisch „belenes
vivientes“, die sich mittlerweile auf viele Orte in ganz
Spanien ausgeweitet hat, stammt ursprünglich aus Katalonien.
In mehreren Gemeinden des Hinterlandes von Costa Brava und Costa
Dorada stellen Laienschauspieler, oft Hunderte an der Zahl,
in den Strassen und auf öffentlichen Plätzen den Lebensalltag
in Bethlehem zur Zeit von Jesus’ Geburt dar. Die Associación
der pessebres vives informiert alljährlich im Internet
über die Dörfer und Termine unter www.ribes.org/pessebres/apvc.htm.
Meist liegen sie zwischen dem 24. und 30. Dezember sowie am
05. und 06. Januar.
Wer sich am 28. Dezember in Spanien
aufhält, der sollte nicht alles glauben, was man ihm erzählt.
Selbst den Nachrichten in Fernsehen und Radio ist dann nicht
zu trauen. Der Tag, an dem das Christentum der Ermordung der
Kleinkinder durch Herodes gedenkt, der „Tag der unschuldigen
Kinder“ – „Día de los Inocentes“,
ist in Spanien unserem 1. April ähnlich und man ist vor
Überraschungen nicht gefeit. Vorsicht ist vor allem beim
Öffnen und Probieren von lecker aussehenden Süßigkeiten
geboten. Nach ihrem Verzehr verzieht manch einer qualvoll das
Gesicht.
In Spanien endet die Weihnachtszeit
nicht mit der Silvesternacht, der „Nochevieja“.
Am 31. Dezember trifft man sich kurz vor Mitternacht auf dem
jeweiligen Rathausplatz der Stadt und verspeist bei den 12 Glockenschlägen,
die das Neue Jahr einläuten, die 12 Glückstrauben,
„uvas de suerte“. Wer nicht draußen ist, verfolgt
im Fernsehen die Übertragung aus der Hauptstadt Madrid,
wo an der Puerta del Sol die Schläge der Uhr das Neue Jahr
einläuten und Tausende von Menschen mit Trauben und Cava,
dem spanischen Champagner, seine Ankunft feiern.
Den Abschluss, aber auch absoluten Höhepunkt
der Weihnachtsfeierlichkeiten für die spanischen Kinder
bildet das Fest der Heiligen Drei Könige, der „Reyes
Magos“. So ist es auch heute noch Tradition, dass sie
die schönsten und größten Geschenke bringen,
obwohl in vielen Familien mittlerweile auch der 24./25. Dezember
ein Tag der Geschenke ist. Auf glanzvoll geschmückten Wagen
ziehen die Drei Könige am Abend des 5. Januar durch die
Städten und Gemeinden. Es regnet Tonnen von Bonbons und
die Reyes sind bemüht, ja auch alle die Briefchen und Zettel
aus den vielen Kinderhänden, die sich ihnen am Straßenrand
entgegen strecken, anzunehmen. In der folgenden Nacht werden
die Stiefel und Schuhe vor die Türen gestellt und am Morgen
des 6. Januar packen Kinder mit erwartungsfrohen Gesichtern
in ganz Spanien ihre Geschenke aus. Die größten Umzüge
finden in Madrid und Barcelona statt. In der katalanischen Hauptstadt
kommen die Reyes Magos mit ihrem Gefolge auf festlich beleuchteten
Booten am Hafen an, wo Tausende von Kindern ihnen begeistert
zujubeln.
Am 6. Januar schließlich isst
man gemeinsam in den Familien den „Roscón de Reyes“,
einen Kuchen in Ringform. In dem Kuchen ist eine kleine Überraschung
eingebacken. Derjenige, der sie in seinem Stück findet,
ist König für einen Tag.